• News 2019_04_16 Interview zu Symposium „Zeit erzählen“ mit Kurator Prof. Christoph Büch

Interview zu Symposium „Zeit erzählen“ mit Kurator Prof. Christoph Büch

Im Vorfeld des Symposiums „Zeit erzählen“ am Campus Hamburg sowie dem Altonaer Museum und dem Altonaer Theater gibt Kurator Prof. Christoph Büch, Studiengang Kommunikationsdesign, Einblicke zu seinem ganz persönlichen Bezug hinsichtlich Walter Kempowskis Wirken. Das Symposium an den drei Standorten in der Museumstraße befasst sich mit der Rezeption des letzten Werkes Ortslinien des verstorbenen Autors.

Was fasziniert Sie an Walter Kempowskis letztem Werk Ortslinien?

Den schier unendlichen Raum für Entdeckungen den die Ortslinien eröffnen. Die Idee, Texte, Gemälde, Fotos, Filme aufeinandertreffen zu lassen, die genau 100 Jahre auseinanderliegen, hebt die Zeit auf und sensibilisiert uns dafür, dass das Vergangene gegenwärtig ist. Als Teenager sah ich mal ein Interview mit Walter Jens. Dieser meinte, anstatt in einen Flug zum Mond Milliarden zu investieren, sollten wir lieber nach einem weiteren Homer in der Erde graben. Das hatte mir schon damals zu denken gegeben und weist ebenfalls auf die Vergegenwärtigung der Geschichte hin, die wir bei Kempowski finden.

Wie kam es zu der Idee, die Ortslinien gemeinsam mit Studierenden des Fachbereiches Art&Design in einem multimedial erfahrbaren Projekt weiterzuführen?

Ich habe mehrere Semester zu dem Echolot von Walter Kempowski mit Studierenden der HTW Berlin gearbeitet. Daraus hat sich eine Zusammenarbeit mit Sabine Wolf von der Akademie der Künste Berlin entwickelt. Bei einem unserer Treffen erwähnte Sabine Wolf, das im Keller ein Rechner von Walter Kempowski stünde, dessen Daten nicht zugänglich seien. Darunter eben auch das unvollendete Projekt Ortslinien. Das war ein sehr aufregender Moment. Wann erhält man schon die Möglichkeit, ein Originalmanuskript exklusiv als erster „lesen“ zu können. Beim Durcharbeiten des Materials formte sich schließlich in meinem Kopf die Idee, dass eine Umsetzung mit zeitgemäßen Formaten auch mit jungen Köpfen – eben den Studierenden – erfolgen müsse.

Welche Eindrücke nehmen Sie aus den Semestern mit, während derer die Studierenden mit dem Material Kempowskis gearbeitet haben? Gab es einen ganz besonderen Moment, der Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben ist?

Da gab es natürlich viele! Besonders lustig war, als eine Studentin auf unserer Reise zur Akademie der Künste Berlin zu mir sagte: „Herr Büch, das war wirklich interessant zu sehen, dass die Ortslinien wirklich auch andere Menschen (außer Ihnen) interessiert. Das hätte ich nicht geglaubt!“

Was wünschen Sie sich für das Symposium in der Museumstraße und die weitere Rezeption der Ortslinien?

Ich hoffe, dass das Symposium für viele Studierende der University of Applied Sciences Europe des Campus Hamburg aber auch standortübergreifend inspirierend sein wird und ihnen neue gedankliche Perspektiven eröffnet. Für die Ortslinien wünsche ich mir, dass es zu einer tatsächlichen Realisierung außerhalb des Hochschulumfeldes kommt. Kempowskis Idee der Verschaltung von zwei Tagen mit 100 Jahren Abstand ist genuin digital und meiner Meinung nach eine geniale Methode, das Archiv Internet zukünftig noch besser aufklärerisch zu nutzen. Doch ich bin an diesem Punkt sehr entspannt. Von der technischen Erfindung des Films bis zu der Entwicklung einer „Sprache des Films“ hat es auch einige Jahrzehnte gebraucht.

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