„Einfach machen!“ - Interview mit BTK-Absolvent Tomaso Baldessarini

Der Fotografie-Absolvent Tomaso Baldessarini arbeitet zur Zeit an seinem Portrait-Projekt „Anti Mono Stereo“ und warf zusammen mit uns einen Blick zurück - auf sein Studium an der BTK und auf den Berufseinstieg als Fotograf. Lesen Sie im Interview, warum er ehrliche Fotos mag und was er über die Wichtigkeit von Netzwerken und Eigeninitiative zu sagen hat.

Tomaso, du hast deinen Abschluss an der BTK im Jahr 2012 gemacht. Was würdest du jetzt im Rückblick sagen, worauf man als Student während des Studiums achten sollte? Gibt es zum Beispiel irgendetwas, dass du während deines Studiums nicht erkannt hast, was jetzt aber um so wichtiger ist?

Die Studenten sollten schon während des Studiums, am Besten schon im ersten Semester, eigene Projekte machen. Einfach machen, nicht zu viel nachdenken, der Intuition folgen und nicht einfach nur die Uniaufgaben abarbeiten, sondern sich selbst ausprobieren! Kontakte knüpfen gehört genauso dazu, wie unterwegs zu sein, sich fortzubilden und immer am Ball zu bleiben.

Das Kontakte knüpfen hast du ja ziemlich erfolgreich hingekriegt, wie hast du das gemacht?

Ich war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich habe bei einem Schauspieler gearbeitet, der auch Fotograf war und bin danach dann zu einem Portrait-Fotografen gewechselt. Dort habe ich mir überlegt, ob ich nach London gehen soll und da als Assistenz arbeite oder ob ich mein eigenes Projekt mache, mein Ding, das was ich schon immer im Kopf hatte. Denn eine Assistenz wirft einen ja immer auch ein bisschen zurück, im eigenen Vorankommen, in der Selbstentwicklung, deswegen habe ich letztendlich mein Projekt durchgezogen.

Fallen dir denn auch richtige Fehler ein, die du gemacht hast, oder irgendetwas, was du jetzt ganz anders machen würdest?

Nein, denn eigentlich ist ja alles ein Prozess. Das ist zwar eine Standardantwort, aber ich bin ja auch erst durch 1.000 Umwege zur Fotografie gekommen.

Was waren das für Umwege?

Ich habe zuerst etwas anderes studiert und dann haben mich gewisse Lebensumstände dazu gezwungen, nochmal neu anzufangen. Zu dem Zeitpunkt habe mir eine Kamera gekauft und erst mal Fotos auf der Straße gemacht. Ein paar Tage später habe ich einen Professor einer sehr renommierten Uni getroffen, der sich meine Bilder angesehen und mir ein Empfehlungsschreiben ausgestellt hat. Mit dem habe ich mich dann an der BTK beworben. Ich habe mich tatsächlich auch nur an der BTK beworben.

Warum ausgerechnet da?

Ich mochte die persönliche Atmosphäre, dass alles in einem Haus ist. Im Nachhinein bin ich ja auch mit allen Professoren und Kommilitonen gut klar gekommen. Das wusste ich zwar nicht vorher, aber ich habe gelernt meinen Kopf auch mal auszuschalten und meiner Intuition zu vertrauen.

Ist es auch das, was einem als Studenten hilft, sich als Künstlerpersönlichkeit zu entwickeln? Diese persönliche Atmosphäre, der Input der Dozenten - ist es das, was das Studium an der BTK so besonders macht?

Wenn man persönlichen Kontakt zu den Professoren hat, kann man das Studium auf einer sehr freundschaftlichen Ebene gestalten. Außerdem muss man jemanden haben, mit dem man irgendwie verbunden ist - jemand der dich versteht. So kann man Lösungen für Probleme, an denen man Monate rumgebastelt hat, manchmal in zehn Minuten im Gespräch klären. So war das auch bei meiner Bachelorarbeit. Ich hatte drei verschiedene Konzepte, die habe ich dann mit Prof. Katrin Thomas besprochen, danach war sofort klar, was ich mache.

Das heißt, die Professoren sind auch ein bisschen dein Spiegel und als Student profitiert man von deren Erfahrung?

Ja, das würde ich schon so sehen. Man muss sich allerdings einbringen. Man muss dahin gehen, mit ihnen reden, Ideen diskutieren und sie nicht nur einfach so als Lehrkörper wahrnehmen. Viel eher sollte man sie als eine Art Mentor verstehen. An der BTK hat man ja das Glück, in kleinen Kursen von 10 bis 15 Leuten arbeiten zu können, da ist also definitiv die Gelegenheit gegeben, sich mit den Professoren individuell auszutauschen.

Wie war denn eigentlich dein Bild vom Fotografie-Studium und vom Beruf Fotograf bevor du angefangen hast zu studieren?

Schwammig! Ich glaube aber, dass es auch immer schwammig bleiben wird. Das Berufsfeld ist ja auch so.

Das heißt, der Anspruch mit einem Plan an sein Studium zu gehen - ich studiere jetzt das, bin dann fertig und danach mache ich das - funktioniert eigentlich gar nicht?

Ich befürchte, dass die meisten ihre Planung nicht durchhalten. Der Beruf kostet unfassbar viel Kraft, dafür muss man echt geboren sein. Ich weiß nicht wirklich, ob ich dafür geboren bin, weil ich oft mit mir hadere. Der Beruf ist wie russisches Roulette: du weißt nicht, welche Leute du triffst, manche Leute triffst du dann drei Jahre später wieder und plötzlich sind sie ein wertvoller Kontakt geworden und machen irgendwelche Projekte mit dir. Es ist total verrückt!

Wie viel Anteil hat denn Fachwissen und wie viel Anteil nimmt die Künstlerpersönlichkeit für den Erfolg des Berufs ein?

Es ist beides wichtig. Man muss das Medium Fotografie begreifen. Der Fehler, den viele machen, ist meiner Meinung nach, sich zu sehr an anderen zu orientieren. Man sollte lieber schauen, was einem persönlich gefällt. Meine Macken haben mir geholfen und deswegen mache ich jetzt auch das „Anti Mono Stereo“ – Projekt. Das bin eher ich, als eine Modestrecke. Und am Ende sollte man wirklich das machen, womit man sich identifiziert. Wichtig finde ich auch, dass man - egal ob Klofrau oder Robert de Niro – alle gleich behandelt und allen mit Respekt und Demut begegnet.

Das heißt, die Richtung ist für dich jetzt eher Portrait?

Ja, auf jeden Fall Portrait. Portrait und People. In der Agentur, für die ich arbeite, geht es ja eher um die kommerzielle Schiene, deswegen beides. Kommerziell habe ich aber noch nicht viel gemacht.

Wie funktioniert das dann, dieses Zusammenarbeiten mit einer Agentur?

Man muss eine Mappe erstellen und dann rennt man mit seiner Mappe in die Agenturen. Dort hat man dann Gespräche mit Art Buyern - und zwar nicht nur fünf sondern fünfzig!

Wie laufen diese Gespräche ab?

Unterschiedlich. Die großen Agenturen sagen nett „Wir melden uns“. In den kleinen und mittleren sitzt man auch schon mal eine Stunde drin und die interessieren sich wirklich für das, was man macht. Allerdings versuchen die natürlich, für ihre jeweiligen Produktwelten einen Fotografen zu finden, es ist also sehr schwer, dort etwas Eigenes einzubringen.

Wie kommst du denn damit klar, dass du eben nicht diesen „9 to 5 - Job“ hast, sondern z.B. oft auch am Wochenende arbeitest, viel selbst organisierst oder stundenlang Bilder nachbearbeitest?

Es ist leider eine Illusion, zu erwarten, dass es wie in den Richard Avedon - oder Annie Leibovitz - Dokumentarfilmen aussieht, mit diesen Riesenproduktionen mit Millionen an Budget. Das gibt´s erst ganz oben und da kommen halt nur wenige hin.

Willst du da hin?

Ja schon! Ich habe schon das Bestreben, dass ich von meiner Fotografie leben kann. Man sollte Ziele haben aber keine falschen Vorstellungen. Wer denkt, nach dem Bachelor regnet es von alleine Aufträge, liegt komplett falsch. Man muss sich ein Netzwerk aufbauen. Du musst Leute kennen, die dich kennen, die vielleicht auch mal kostenlos für dich arbeiten, die an dich glauben.

Nur so konnte ein Projekt wie „Anti Mono Stereo“ ja auch funktionieren, oder?

Ja, das und Facebook. Da kennt der eine den anderen und so weiter. Ich hatte jetzt zum Beispiel einen bekannten Schauspieler hier, der hat seine ganze Familie mitgebracht. Ihn wiederum hat eine Bekannte von mir angesprochen.

Um was geht es denn im Kern in „Anti Mono Stereo“?

Es geht darum , die Leute so abzubilden, dass sie lernen, sich so zu sehen wie sie sind. Es gibt zum Beispiel Menschen, die schon ein paar Schönheits-OPs hinter sich haben, die sehen sich dann in diesem harten Licht auf dem Monitor und die Augen werden erst groß und dann feucht. Am Ende steht aber meistens ein „So bin ich halt“!

Du zielst aber ja auch auf Portraits, die sozusagen „mehr als die Realität“ zeigen! Wie geht es denn jetzt mit „Anti Mono Stereo“ weiter?

Wir haben eine Ausstellung in Berlin im nächsten Jahr, zu der 1.000 Gäste geladen werden. Dort werden 70 bis 80 Portraits und auch eine Videoinstallation gezeigt. Und dann gibt es noch die Ausstellung des Gesamtprojekts. Die Bilder werden in Prag, Bratislava, London, New York und Los Angeles präsentiert. Außerdem soll es eine Fortsetzung des Projekts geben. Thema sind Portraits, in denen die Teilnehmer komplett nackt sind. Insbesondere Narben etc. sind für mich natürlich interessant.

Letzte Frage, dein Ausblick in deine Zukunft?

Ich freue mich, dass die Repräsentanz Kelly Kellerhoff mich nun vertritt - das war ein Riesenschritt in die Zukunft. Auch der Preis „First Place Category People/New York“ im Wettbewerb „One Life Photo“ und die Aufnahme in das Buch "Deutschlands beste Fotografen" waren für die Steigerung meines Bekanntheitsgrades toll. Mein Traum wäre, in fünf oder sechs Jahren nach New York zu ziehen und dort von meiner Fotografie leben zu können. Ich bete mir das aber nicht jeden Tag vor, ich bin da relativ entspannt.

Danke für das Gespräch!

Foto: Martina Trommer

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